„Wenn der Wind weht“, Predigt über Joh 3, 1-8 zu Trinitatis von Pastor Ralf Reuter

Mon, 31 May 2021 08:22:15 +0000 von Friedenskirche Göttingen

© AGl
Liebe Gemeinde, wenn der Wind weht, müssen die Segel gesetzt werden. Dann geht es raus aufs Meer. Bewegung entsteht, Aktivität, Lebendigkeit. Ein Bild für den Heiligen Geist, für die Gotteskraft, die uns wirklich bewegt. Ja, noch mehr, die uns wieder wie Kinder des Glaubens werden lässt, die uns nicht nur erfrischt, sondern erneuert. „Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird“, heißt es bei Johannes, „so kann er das Reich Gottes nicht sehen.“ Denn: „Ihr müsst von Neuem geboren werden.“

Der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil, den ich mal im Weserbergland traf, gestand mir, nachdem ich mich als Pastor der Hannoverschen Landeskirche vorgestellt hatte: „Am meisten war ich gespannt auf die Besinnung des Abtes von Loccum. Da wurde von ganz anderem erzählt als sonst. Herr Hirschler machte das immer sehr eindrücklich. Eigentlich waren die Sitzungen langweilig, aber wegen ihm und seinen Worten ging ich hin.“

Worte des Glaubens, sind wir nicht alle, die wir diese Predigt lesen, ein Leben lang auf der Suche nach diesen himmlischen Perlen? Spitzen unsere Ohren, schärfen die Augen nach diesem lebendigen Brot des Lebens. Und picken sie auf, wo wir sie auch finden können, diese Himmelskörner. Wir gehen doch in die Kirche, um ergriffen zu werden, vom Kyrie, vom Evangelium, von einem Bild, das uns einen neuen Raum eröffnet, wo wir leben, atmen, weiterdenken können.

Es ist eine ganz andere Welt, die sich in unserer Welt auftut. Da ist plötzlich etwas von dem Himmel Gottes im Herzen, und alles ist anders. Natürlich bleiben die Sorgen, bleibt der Schrecken, auch die Arbeit, die ganz realen Verhältnisse. Doch es ist, wie wenn die Sonne in den Raum scheint und die Stimmung eine andere wird. Da wird man mitgenommen auf einen Weg, mit Gott, von seiner Kraft, man kann sich gar nicht dagegen wehren.

Ein sehr erfolgreicher Unternehmer hat mir mal von diesem Fenster und der Sonne erzählt, als ich ihn fragte, wie er zu seinen Entscheidungen gekommen ist. „Natürlich wird vorher genau kalkuliert und berechnet. Aber ob du dich traust, diese Investition zu machen, das läuft in Wirklichkeit anders. Da kannst du noch so viel planen. Du sitzt in einem Raum und auf einmal scheint die Sonne. Dann geht das Fenster auf, und du springst raus. So ist es bei mir oft gewesen.“

Von Neuem geboren werden ist vielleicht wie eine unternehmerische Entscheidung, in die man sich hineinziehen lässt. Klar, man braucht schon eine Ahnung von Gott, einen Konfirmandenunterricht, oder jemand, der oder die einem vom Glauben erzählt. Aber es reicht nicht ein für alle Mal aus, es muss sich immer wieder erneuern. Geistliches Kapital ist etwas Lebendiges, kein Pfandbrief für den Sparstrumpf. Spiritualität, religiöses Gefühl, es will ein Leben lang in uns eindringen. Mit Worten, mit Bildern, mit Liedern, in der Kirche, im digitalen Netz, aus Zeitungen, Büchern, aus Erzählungen, aus dem Erleben von Natur, von Bildern des Himmels, vom Gang der Jahreszeiten.

Niemand kann erfassen, wie das wirklich geht. Da kommt einer zu Jesus in der Nacht, um ihn zu fragen. Gut, dass er kommt, dieser Nikodemus. So müssten wir viel öfter andere besuchen, ja heimsuchen, bei denen wir geistliche Beute erahnen. Mit ihnen reden, sie ausräubern, ausquetschen über den Himmel Gottes, über Worte des Lebens. Manchmal machen wir das so mit Eltern oder Großeltern. Gut, wenn es noch gelingt, es gibt immer auch ein zu spät. „Wort Gottes und Gnade ist einfahrender Platzregen“, sagt Luther, „der nicht wiederkommt, wo er einmal gewesen ist.“

Viele von uns sind inzwischen Eltern oder Großvater und Großmutter, oder sind sonst weise geworden, haben Erfahrungen des Lebens gemacht, sind gebeutelt worden vom Schicksal, und doch durchgekommen. Erzähle ihnen, wovon du wirklich lebst. Nimm dir Zeit, wenn jemand dich fragt, bleib stehen, setz dich hin und rede! Und sei dir nicht zu schade, auf triviale Fragen zu antworten. Als Nikodemus das Bild vom Neugeborenwerden nicht versteht, fragt er naiv zurück: „Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden?“

Ja, zur Mutter zurück, hier zu Gott als der neuen Mutter und des neuen Vaters, in Gott und seine himmlische Welt hineinkriechen und eine neue Kreatur werden, wie es Paulus schreibt (2. Kor 5, 17). Jesus verweist auf das Geborenwerden „aus Wasser und Geist“, also Taufe und lebendige Erneuerung, Auffrischung. Anderen ein Gesprächspartner werden, von sich und seinem Antrieb erzählen, man braucht dazu keine Ausbildung wie ein Pastor. Viel lebendiger wird es für andere, wenn wir ehrlich von uns erzählen, zum Beispiel im beruflichen Alltag zu Jüngeren, oder in den Begegnungen im Ehrenamt: Wofür stehe ich? Was ist meine Botschaft? Was ist meine Haltung gegenüber Geschäftspartnern und Kunden? Warum gehe ich zur Arbeit, setze mich ein? Was will ich gestalten? Warum mache ich das so und nicht anders?

Denn längst haben wir gespürt, wie sich die Welt des Glaubens wieder neu einbringt in die Wirklichkeit des Lebens. Wie uns das Geistliche im Alltag bestimmt. Wie wir gewisse Dinge tun und anderes lassen. Es ist ja nicht nur die Ethik, nicht nur die Erhaltung der Welt, für die wir beauftragt sind. Es ist immer auch die Erlösung der Welt, die vor allem die Menschen aus der Starre, der Einsamkeit, der Enttäuschung, der Aussichtslosigkeit befreit, und heutzutage auch aus der Beliebigkeit und Langeweile, aus der reinen Wellness, aus der Ich-Gesellschaft. Das braucht tatsächlich ein Erneuern, ein neu Geborenwerden. Da hat das Leben nicht nur Länge und Breite, ist nicht nur Arbeiten und Schlafen, da bekommt es Höhe, da kommt der Geist dazu, da entsteht Neues.

Mit der Kraft Gottes unterwegs sein auf dem Weg in die Ewigkeit: Momente sind es nur, Perlen von Worten, die uns ergreifen, nach denen wir suchen wie Stephan Weil. Auch Gottesdienste in der Kirche oder Predigten, die wir gleich lesen, wenn wir sie auf der Homepage entdecken. Hoffentlich weht in unserer Kirche nicht nur ein laues Lüftchen, sondern der Sturm Gottes, der uns einlädt, hart am Wind unsere Segel zu setzen. Rücken wir dem Bodenpersonal Gottes auf den Pelz, pusten wir den Staub von ihren Schuhen, werden Sie selber aktiv! 

Und Ahnungen vom richtigen Zeitpunkt des Handelns bekommen, das ist wichtig für alles Zukunftshandeln. Wie bei dem Unternehmer, dem die himmlische Sonne auf einmal ins Büro scheint. Die Zeitfenster bei Kindern und Jugendlichen nutzen, ihnen von Jesus erzählen, der über die Erde ging als lebendiges Angesicht Gottes. Auch später aufpassen, dass man das Religiöse nicht versäumt, die Ansprache nicht verpasst. Und die Erfahrungen des Lebens und Glaubens an die uns Nachfolgenden weitergeben.

Ja, wir sind Flaneure Gottes, auf der Suche nach den Senfkörnern des Glaubens im Dickicht des Alltags. Längst sind wir zu geistlichen Windsurfern geworden, unterwegs auf den Brettern des Glaubens, der Hoffnung, der Liebe. Dies ist es, was uns im Leben durchträgt, uns Haltung und Rückgrat, Trost und Ausdauer gibt. So nehmen wir Fahrt auf, starten immer wieder neu aus den Häfen unserer Tage, mit Kurs auf die Ewigkeit. Dadurch erst leben wir intensiv, offen und zugleich geborgen, dem Nächsten verpflichtet und Gott gehorchend. 

Von Neuem geboren werden, lebendig bleiben bis an das Ende der Tage, Segel setzen, Aktivität spüren, das ist wirklich Leben. Doch selber machen, liebe Gemeinde an Trinitatis, dem Sonntag nach Pfingsten, können wir diesen Wind nicht. Wir müssen ihn aufspüren, hineinhorchen, uns hineinstellen lassen bis zum letzten Atemzug. „Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist ein jeder, der aus dem Glauben geboren ist.“ Amen.